Neulich klingelte mal wieder das Telefon: Mutti. Und wenn Mutti anruft und der Satz mit „Du, das Internet ist heute so komisch…" beginnt, dann weiß ich auch schon, wie ich den Nachmittag verbringen werde 😁.
Also zog ich los, einmal mehr als Familien-IT-Support in Personalunion. Und dieser Job folgt drei eisernen Naturgesetzen: Erstens, der Fehler zeigt sich nie, solange ich daneben stehe. Zweitens, „ich habe doch gar nichts gemacht" ist die erste Antwort - und nie die Wahrheit. Drittens, am Ende war es doch nur der gezogene Stecker. Kommt dir bekannt vor, falls du in deiner Familie auch derjenige bist, der sich “ja mit Computern auskennt”?
Eines fällt mir bei diesen Einsätzen aber immer wieder auf: In meiner Familie steht in praktisch jedem Haushalt dieselbe Kiste - eine FRITZ!Box. Bei den Eltern, bei den Schwiegereltern, you name it. Überall blinkt mir dasselbe Gerät entgegen. Und ehrlich? Das ist auch völlig in Ordnung, die Dinger tun zuverlässig ihren Job.
Auf der Heimfahrt wird mir nach so einem Einsatz dann zuverlässig dasselbe wieder bewusst: Wie froh ich bin, dass bei mir zu Hause längst keine FRITZ!Box mehr steht, sondern MikroTik mit RouterOS. Nicht, weil die FRITZ!Box schlecht wäre - sondern weil ich von meinem Netzwerk schlicht mehr will, als so eine Box mir geben möchte.
Was genau ich damit meine? Das ist schnell erzählt.
Die FRITZ!Box ist ein gutes Gerät #
Damit das nicht zur reinen Abrechnung wird: Ich halte die FRITZ!Box von AVM für einen der besten Consumer-Router, die man kaufen kann. Sie wird in Deutschland entwickelt, bekommt über Jahre verlässliche Updates, hat eine aufgeräumte Oberfläche und funktioniert, sobald man sie einsteckt. Telefonie, WLAN, Mesh, Kindersicherung - alles da, alles ohne Handbuch bedienbar.
Die eigentliche Leistung von AVM ist aber eine ganz andere: Sie haben es geschafft, das schnöde, sperrige Thema Netzwerk in jedem Wohnzimmer vermittelbar zu machen. Bunte, aufgeräumte Oberflächen, die „Profi-Einstellungen" geschickt eine Ebene tiefer weggeklappt - und für die allermeisten reicht ohnehin die Default-Konfiguration, mit der man bestens leben kann. Anstecken, blinken lassen, passt.
Für eine Familie, die einfach nur ein stabiles Heimnetz möchte, ist das schlichtweg die richtige Wahl. Ich würde sie jederzeit weiterempfehlen. Wirklich.
Nur bin ich eben kein durchschnittlicher Nutzer. Ich will mehr von meinem Netzwerk 😄!
Warum ich auf RouterOS setze #
Der Unterschied beginnt schon beim Anspruch. Eine FRITZ!Box will mir das Netzwerk abnehmen. RouterOS will es mir in die Hand geben. Das ist ein gewaltiger Unterschied, und genau an dieser Stelle scheiden sich die Geister.
Ich will gar nicht, dass mir Entscheidungen abgenommen werden. Ich will sie selbst treffen. Und RouterOS lässt mich das tun - bis in die letzte Firewall-Regel hinein. Konkret sind das vor allem diese Punkte:
- Maximale Konfigurationsfreiheit. Vom DHCP-Server über statische Routen bis zur Firewall liegt jede Schraube offen. Nichts ist hinter einer vereinfachten Oberfläche versteckt, die mir drei von zehn Optionen vorenthält.
- Echte VLANs1 und Segmentierung. Mein Heimnetz ist in verschiedene Sicherheitsbereiche aufgeteilt: ein Netz für die Familie, eines für Gäste, eines für die ganzen IoT-Geräte, eines für meine bereitgestellten Ressourcen und Services und eines fürs Management. Die FRITZ!Box kennt zwar ein Gast-WLAN, aber eben kein frei konfigurierbares VLAN-Konzept.
- Eine Firewall, die diesen Namen verdient. Ich entscheide selbst, welches Netz mit welchem reden darf. Das ist mächtig - und genau deshalb auch heikel: Eine falsch gesetzte Regel schließt nicht nur Türen, sie kann ebenso gut eine öffnen. Aus der Firewall, die eigentlich schützen soll, wird im dümmsten Fall selbst das Einfallstor. Die Verantwortung dafür liegt dann ganz bei mir.
- Ein Betriebssystem für alles. Router, Switch, Access Point: bei MikroTik läuft überall dasselbe RouterOS. Einmal gelernt, überall angewendet - ich muss mich nicht für jede Geräteklasse in eine neue Oberfläche einarbeiten.
- Kein Cloudzwang. Alles läuft lokal, in meinem Haus, unter meiner Kontrolle. Kein Konto, keine Hersteller-App als Pflichtprogramm, kein Server irgendwo, der wissen muss, was bei mir im Netz passiert. Wer meinen Blog länger liest, weiß: Cloudzwang ist für mich eine Red Flag.
- Smart steuerbar. Viele Funktionen lassen sich über Home Assistant anbinden. Damit wird sogar der Router selbst Teil meines Smart Homes, wenn ich das möchte. Allerdings sollte man sich immer gut überlegen, ob das wirklich nötig ist. Ich bin nämlich ein großer Fan von sauberer Architektur - und nicht alles, was sich anbinden lässt, gehört auch angebunden.
Und der vielleicht wichtigste Punkt zum Schluss: das Preis-Leistungs-Verhältnis. Was MikroTik an Enterprise-Funktionen für unter hundert Euro in ein Gerät packt, kostet bei anderen Herstellern gern das Fünf- bis Zehnfache. Für einen Privathaushalt sind echte Business-Switches und -Router sonst schlicht unbezahlbar.
Du merkst schon: Das ist kein “gut gegen schlecht”. Das ist “fertiges Produkt gegen Werkzeugkasten”. Beides hat seine Berechtigung. Die Frage ist nur, was du sein willst: Nutzer oder Bastler.
Was es kostet: lernen, experimentieren, scheitern #
Damit hier kein falscher Eindruck entsteht - RouterOS hat einen Preis, und der wird nicht in Euro bezahlt. Die Lernkurve ist steil. Richtig steil. Beim ersten Mal habe ich mein eigenes Netzwerk gleich zweimal lahmgelegt, bevor überhaupt etwas lief. Recherche hier, Ratlosigkeit da, Erfolgserlebnis dort.
Und dann ist da der Alltag. Zu Hause interessiert es herzlich wenig, ob ich das Inter-VLAN-Routing von Hand geschrieben habe, solange das WLAN im Wohnzimmer steht und Netflix läuft. Eine FRITZ!Box hat hier einen klaren Vorteil: Sie ist auch ohne mich bedienbar. RouterOS ist das eher nicht - ich bin hier der Single Point of Failure 😁.
Falls du mit dem Gedanken spielst, selbst umzusteigen: Fang klein an. Ein einzelnes MikroTik-Gerät parallel zur bestehenden FRITZ!Box, in Ruhe einlesen, nichts überstürzen. Dein zukünftiges Ich dankt es dir, wenn nicht gleich das ganze Haus offline ist.
Unterschätze niemals das Scheitern: es kam bei mir nicht nur einmal vor, dass ich eine Konfigurationsänderung vornahm und beim Klicken auf Speichern ein lautes NEIN durch meinen Kopf ging. Ich war zu vorschnell - jetzt habe ich mich selbst ausgesperrt 😄. Immer ein Backup parat halten, das ist die oberste Devise.
Und der hAP be3, auf den ich warte? #
Apropos MikroTik: Während ich bei der Familie noch Kabel sortierte, war meine eigene nächste Ausbaustufe längst bestellt und ist bereits unterwegs. Aktuell sorgen bei mir drei MikroTik hAP ax3 über mehrere Etagen für stabiles WLAN - nachzulesen auf meiner Homelab-Seite. Der neue hAP be3 Media soll dieses Setup nun nach und nach auf WiFi 72 heben.
Warum dieses Modell? Weil es der direkte Nachfolger meiner hAP ax3 ist - gleiche Familie, gleiches RouterOS, aber mit der neuen WLAN-Generation, mehr Tempo und etlichen Verbesserungen unter der Haube. Für mich also der logische nächste Schritt: kein neues Ökosystem, keine neue Verwaltung, keine neue Lernkurve. Das Gerät reiht sich einfach ein, bekommt seine Konfiguration und macht ab dann still seinen Job. So soll Technik sein.
Die genauen technischen Daten des hAP be3 Media trage ich nach, sobald das Gerät hier ist und ich es selbst in Betrieb genommen habe. Ich schreibe ungern über Hardware, die ich noch nicht in der Hand hatte.
Unterm Strich #
Die FRITZ!Box ist nicht die schlechtere Wahl. Sie ist nur eine andere Wahl - eine für Menschen, die ein Netzwerk benutzen wollen, statt es zu bauen. Beides ist völlig legitim.
Ich gehöre eben zur anderen Sorte. Ich will jede Schraube selbst drehen, volle Kontrolle, keine Cloud dazwischen. Den Preis dafür - ein paar Abende vor der Dokumentation - zahle ich gern, denn das ist für mich kein Preis, sondern Entspannung. Pure Bastelei, pure Kontrolle, purer Spaß - und ich würde keine Minute davon zurückgeben.
Das Titel-/Hintergrundbild stammt von Dreamlike Street auf Unsplash.
Ein VLAN (Virtual Local Area Network) trennt ein physisches Netzwerk logisch in mehrere getrennte Netze auf - so, als hätte man mehrere separate Router, obwohl nur einer im Schrank steht. ↩︎
WiFi 7 (802.11be) ist die aktuelle WLAN-Generation mit höheren Datenraten und geringerer Latenz als der Vorgänger WiFi 6. ↩︎
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