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Vater werden - und was das mit allem macht

·1108 Wörter·6 min
Tobias Schulz
Autor
Tobias Schulz
고생 끝에 낙이 온다 · immer, weiter
Inhaltsverzeichnis
Ich dachte, ich hätte mein Leben ganz gut im Griff. Dann kam ein winziger Mensch und hat mir liebevoll das Gegenteil bewiesen.

Es ist kurz vor vier Uhr morgens. Ich stehe im abgedunkelten Kinderzimmer, wiege ein winziges, warmes Bündel Mensch im Arm und bin müde und überglücklich zugleich. Für den Bruchteil einer Sekunde meldet sich der alte Nerd in mir und fragt, ob man diese Nachtschichten nicht irgendwie eleganter lösen könnte - dann lache ich leise über mich selbst 😁. Manche Dinge löst man eben nicht. Man ist einfach da.

Unter dem müden Papa im Halbdunkel steckt nämlich nach wie vor ein Kontrollmensch. Pläne geben mir Ruhe, ein durchdachter Ablauf fühlt sich für mich nach Komfort an und nicht nach Zwang.

Der Reset, den ich nicht eingeplant hatte
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Und dann bekommst du ein Kind, und dieses Kind schert sich null um deine schönen Pläne. Es kennt keine Uhrzeit, es kennt keinen Wochentag, und es fragt dich nicht, ob es gerade passt. Es meldet sich um 3:47 Uhr, und die einzig richtige Antwort darauf ist: da sein. Sofort, und ohne zu überlegen.

Für mich war das anfangs ungewohnt. Ich konnte nichts vorbereiten, nichts vorausplanen, nichts beschleunigen. Ich musste einfach präsent sein - und das war, ehrlich gesagt, ein bislang verborgenes Talent in mir 😅. Ich wusste bisher nicht, dass ich dermaßen gut im Improvisieren bin. Nicht alles im Leben muss sich rechnen, manches darf einfach Chaos sein. Wer hätte gedacht, dass mir das ausgerechnet ein paar schlaflose Nächte beibringen.

Die ersten zwei Wochen nach der Geburt verschwimmen im Rückblick zu einem einzigen, sehr müden Nebel. Schlaf gab es nur noch häppchenweise, immer dann, wenn der kleine Mensch es gerade zuließ, nie am Stück. Und in den ersten vier Wochen war ich eigentlich nur noch am Laufen: hier schnell etwas organisieren, da der Haushalt, dazwischen ein paar Besorgungen, und natürlich immer Mama und Kind versorgen. Stillstand? Fehlanzeige. Ein gern gesehener Gast in dieser Zeit hieß übrigens Lieferando - Kochen stand schlicht nicht auf der Liste der Dinge, für die noch Energie übrig war 🙈.

Und dann passiert etwas Erstaunliches: Nach vier, fünf Wochen pendelt sich ein neuer Rhythmus ein. Nicht meiner, nicht der alte - ein komplett neuer, den wir zu dritt erst zusammen erfinden mussten. Verglichen mit diesem ersten Sturm ist der Alltag mit Kind heute ein Klacks. Damals, mitten im Nebel, hätte ich das nicht für möglich gehalten.

Was es mit dem Nerd macht
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Ich bin immer noch ein Nerd. Das bleibt auch so, da müssen alle durch. Aber die Währung hat sich geändert.

Früher war Zeit für Hobbys einfach da. Ein Abend mit Python, ein Wochenende mit einem neuen Projekt, kein Thema. Heute messe ich Hobby-Zeit in Minuten, und ich gebe sie sehr viel bewusster aus. Das klingt erst mal nach Verlust - ist es aber nicht. Selbst Apple könnte so einen effektiven Fokus-Filter nicht entwickeln: Wenn ich nur noch eine halbe Stunde habe, mache ich garantiert nicht den Quatsch, der mir eigentlich egal ist. Du kennst das sicher auch: schnell mal einen neuen Docker Container ausprobieren und zack, ist der Abend schon wieder rum. Für solche Themen nutze ich in letzter Zeit sehr stark die Möglichkeiten von KI; mal eben schnell nebenbei.

Selbst mein Smart Home ist mit Kind nicht komplizierter geworden, sondern ehrlicher: Was nur Spielerei war, nervt im Alltag sofort und fliegt, der Rest darf bleiben.

Was mir übrigens am meisten hilft, hat ausnahmsweise mal nur indirekt mit Technik zu tun: Ich arbeite im Homeoffice. Früher hielt ich das für einen netten Komfort-Bonus, heute ist es für mich schlicht unbezahlbar. Ich bin bei den kleinen und großen, wichtigen Momenten dabei - beim ersten echten Lachen, bei der ersten Seitwärtsdrehung, beim Mittagsschlaf auf meiner Brust, beim Quengeln, das partout nur auf dem Papa-Arm wieder aufhört. Dafür bin ich meinem Arbeitgeber sehr dankbar. Längst nicht jeder Berufstätige in Vollzeit hat dieses Privileg, und ich vergesse das keine Sekunde.

Was es mit dem Umfeld macht
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Eine Sache, die mir vorher niemand so deutlich gesagt hat: Ein Kind sortiert ganz nebenbei dein Umfeld. Nicht immer mit großem Knall - einfach dadurch, dass dein Alltag enger getaktet wird und du auf einmal sehr genau merkst, für wen darin noch Platz ist.

Am Anfang passiert sogar das Gegenteil von Sortieren. Du lernst plötzlich andere frischgebackene Eltern kennen, und durch den geteilten Schlafentzug fühlt sich das in Windeseile nach tiefer Freundschaft an. Man schreibt sich nachts um drei, weil beide ohnehin wach sind, man teilt die kleinen Katastrophen und die großen Glücksmomente. Diese Nähe ist echt - aber sie entsteht eben unter Ausnahmebedingungen. Und was im Ausnahmezustand zusammenwächst, hält dem normalen Alltag nicht immer stand. Manche dieser intensiven Anfangsfreundschaften werden wieder leiser, sobald sich der erste Sturm legt. Das tut kurz weh, ist aber völlig normal.

Gleichzeitig verschieben sich die alten Beziehungen. Freunde ohne Kinder leben in einem anderen Takt; du sagst öfter ab, als dir lieb ist, und irgendwann lädt man dich gar nicht mehr spontan ein. Das ist selten böse gemeint, es ist einfach das Auseinanderdriften zweier Lebensphasen. Dafür werden andere Verbindungen unerwartet eng - oft genau die, von denen du es am wenigsten gedacht hättest.

Und dann gibt es da die Menschen, die in den ersten Wochen einfach da waren - ganz praktisch und bedingungslos. Freunde und Familie, die mit Essen vor der Tür standen oder sogar einen vorgekochten Topf dalassen, schnell den Müll rausbrachten oder im Vorbeigehen eine Maschine Wäsche anwarfen, während wir beide am absoluten Limit liefen. Niemand schreibt dir vorher ins Lehrbuch, wie kostbar eine warme Mahlzeit ist, die du nicht selbst kochen musstest.

Was am Ende bleibt, ist eine ziemlich eindeutige Antwort auf eine Frage, die man sich vorher nie so direkt stellt: Wer taucht eigentlich auf, wenn es gerade nicht bequem ist? Wer schreibt nicht nur “meld dich, wenn ihr was braucht”, sondern steht mit einer Tüte Einkäufe vor der Tür, ohne vorher zu fragen? Diese Liste ist kürzer, als ich dachte. Aber jede Person darauf hat ihren Platz in unserem Herzen mehr als verdient.

Der neue Maßstab
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Vater zu werden hat nicht eine einzelne Sache in meinem Leben verändert, sondern den Maßstab für alle. Routinen, Selbstbild, Hobbys - alles misst sich heute an derselben, sehr einfachen Frage: Ist mir das die Zeit wert, die ich stattdessen mit meiner Familie haben könnte?

Der Mensch in mir, der immer alles im Griff haben will, hat dabei das Schwerste gelernt, was es für ihn gibt: loslassen. Nicht alles muss durchdacht und durchgeplant sein. Manches muss einfach nur da sein. Pure Aufregung, pures Chaos - und ich würde keine Sekunde davon zurückgeben 😎.


Das Titel-/Hintergrundbild stammt von Marcel Fagin auf Unsplash .

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